Das offene Buch Lesungen: Neue Literatur und bejubelte Autoren


Preisgekrönte Romane, bejubelte Autoren, unveröffentlichte Manuskripte, Streitschriften, Jubiläen und Geburtstage – Das offene Buch schlägt diese Kapitel auf und spiegelt damit das aktuelle literarische Leben. Die Lesungen am Dienstagabend um 21:30 Uhr sind Empfehlungen für Bücher zum Hören und Weiterlesen. Sprecher wie Axel Milberg, Hans Korte, Ulrike Kriener, Doris Schade, Gert Heidenreich und andere machen aus der Schrift ein akustisches Vergnügen.

Dienstag | 10.02.2009 | 21.30 Uhr Autorenforum 2: Thomas Mann : "Leiden und Größe Richard Wagners"

Am 10. Februar 1933, keine zwei Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, hält Thomas Mann an der Ludwig Maximilians Universität München einen Vortrag zu Wagners 50. Todestag. Namhafte Bürger der Stadt protestierten daraufhin heftig gegen den Nobelpreisträger. Er kehrte von seiner nächsten Auslandsreise nicht zurück. Bayern 2 sendet im Autorenforum den bislang unveröffentlichten Wortlaut der schicksalhaften Rede.

In seiner Rede vom 10. Februar, die uns der Thomas-Mann-Förderkreis freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, macht Thomas Mann keinen Hehl aus seiner Leidenschaft für Wagners Oper. Aber er verschweigt auch nicht seine Einwände gegen dessen Gesamtkunstwerksidee. Passion und Zweifel im Verein erzeugen in ihm - wie er sagt - eine schier unstillbare Neugierde, sie stacheln ihn an, dieses "zaubervolle Werk" zu begreifen, es mit Erkenntnis zu durchdringen.
Beseelt von seinem Gesamtkunstwerksgedanken hat der Ohrenmensch Wagner zuweilen ein bisschen mitleidig von "Literatur-Dichtern" gesprochen, Dichtern, deren Worte nicht – wie Wagners Libretti - ergänzt werden durch Bild, Gebärde und Ton. Literaturnobelpreisträger Thomas Mann dreht den Spieß in seiner Rede um: Rein sprachlich gesehen, also ohne Wagners geniale dramatisch-musikalische Inszenierung hätten dessen Texte "oft etwas Schwulstiges und Barockes, auch Kindliches, etwas von großartiger und selbstherrlicher Unberufenheit".
Diesen Hieb auf ihren nahezu vergötterten Komponisten hätten ihm die Kritiker vielleicht noch verziehen, aber wohl kaum die Einordnung in die internationale Szene der Künstler- und Wissenschaftler: Thomas Mann stellt zum einen starke Parallelen zwischen Richard Wagner und Henrik Ibsen fest. Die Kunst beider – Oper wie Gesellschaftsstück - fuße auf einem "von niemandem als möglich geahnten Sublimierungsprozess".
Zum anderen entdeckt Mann frappierende Übereinstimmungen des "Psychologen Wagner" mit einem anderen typischen Sohn des neunzehnten Jahrhunderts, mit Sigmund Freud. Zum großen Ärger der Münchner Wagnerfans benennt er sogar die Übereinstimmung, was wohl damals einem Sakrileg gleichkam: Ein "Mutterkomplex" treibe sowohl den Jüngling Siegfried als auch Parsifal an. Behutsam skizziert Thomas Mann zudem den durch und durch widersprüchlichen, ja höchst ambivalenten Charakter des großen Musikers: "seine gesunde Art, krank zu sein, seine morbide Art, heroisch zu sein", seinen "dämonischen Extremismus", der sich gern mit seinen "bourgeoisen Zügen" paart und schließlich sein "grandioses Ineinander von Deutschheit und Mondänität". Das war einfach zu viel für die national(sozialistisch) bewegten Münchner.

Protest der "Richard Wagner Stadt München"

Am 16. /17. April protestiert die "Richard Wagner Stadt München" in den Münchner Neuesten Nachrichten gegen diese "Verunglimpfung" des "großen deutschen Meisters" Richard Wagner. Das im Rekurs auf die "nationale Erhebung Deutschlands" anhebende Protestschreiben hat der damalige Direktor der Bayerischen Staatsoper, Hans Knappertsbusch zusammen mit dem Komponisten Hans Pfitzner verfasst. 40 namhafte Kulturträger der Stadt München haben den Protest unterschrieben. Eine knappe Woche später wehrt sich Thomas Mann gegen die Verunglimpfung seines Vortrags und die "schweren Schmähungen" seiner Person: in der Vossischen Zeitung, der Frankfurter Zeitung und der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Doch der Protest der Münchner Kulturträger hat ihm klar gemacht, dass er tunlichst nicht mehr in seine Heimat zurückkehren sollte, solange die Nazis dort das Sagen haben.

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