Dirk Heißerer

Der Silberteller des Bären.

Ein Münchener Gaunerstück um Thomas Mann

Großes Gedränge bei Thomas Mann. In seinem von den Nazis beschlagnahmtem Haus im Herzogpark wird Anfang Oktober 1937 der übrig gebliebene Hausrat versteigert. Zum Aufruf kommen wertvolle Möbel und Teppiche, ein Flügel, der Bronze-Hermes und, als besondere Attraktion, ein kleiner ausgestopfter Braunbär mit einer Schale für Visitenkarten. Ein Lederwarenhändler ersteigert das gute Stück. Als er es am nächsten Tag abholen will, ist die Schale verschwunden - gestohlen, wie sich seine Tochter Maria Matt noch Jahrzehnte später empörte. Im Schaufenster ihres Geschäfts an der Münchener Kreuzstraße stand der Bär bis 1999 und trug Geschirrtücher. Nach dem Tod seiner Besitzerin wanderte der Bär - dank der Initiative des Interims-Kulturreferenten OB Christian Ude - im Herbst 2001 mit einer nach einem historischen Foto rekonstruierten Holzschale als Dauerleihgabe ins Münchener Literaturhaus.

Eine Begegnung
In dem Dokumentarspielfilm „Die Manns - Ein Jahrhundertroman“ (2001) erinnert sich Elisabeth Mann Borgese, die jüngste Tochter Thomas Manns, bei einem Besuch des Bären allerdings daran, dass er „eine Schale, einen Silberteller (hatte), auf dem Visitenkarten abgeben wurden“. Also ein Silberteller und keine Holzschale? Da meldet sich im Januar 2002 eine Dame beim Thomas-Mann-Förderkreis München. Sie habe den Film gesehen und dabei sei ihr etwas aufgefallen. Ihr Vater, ein Kunstmaler, sei seinerzeit mit einem Freund zur Versteigerung im Haus Poschingerstraße 1 gewesen. Im Gedränge während der Vorbesichtigung habe der Freund den losen Teller kurzerhand stibitzt und unter seinem Mantel versteckt. Wieder draußen auf der Straße, außer Reichweite, habe er den Teller triumphierend hervorgezogen und sich darüber gefreut, dass ihm dieses Gaunerstück gegen die Nazis gelungen sei. Er habe dem verdutzten Maler den Teller gleich geschenkt, und so konnte das gute Stück über Jahrzehnte in einer Atelierecke überdauern. Die Dame sei aber jetzt der Ansicht, dass der Teller zum Bären Thomas Manns ins Literaturhaus gehöre. Der Thomas-Mann-Förderkreis München solle als Vermittler auftreten. Der Teller stehe zur Verfügung.


Foto: Wolfgang Pulfer, München

„Zweifelhaftes Souvenir“
Der kleine Zierteller (Durchmesser 25 cm) ist nicht aus Silber, sondern aus Messing und trägt punzierte arabische Schriftzeichen sowie eine Bildleiste mit Figuren. Der Dekor überwiegt den Sinn: Nach Expertenmeinung ist der Teller als Souvenirstück aus Ägypten die „Touristenproduktion eines Analphabeten“ (Alfred Grimm). Man kann jedoch ziemlich genau angeben, wo der Teller her ist. Mit seiner Frau Katia war Thomas Mann im März 1925 auf Einladung der Stinnes-Linie erstmals in Ägypten gewesen und hatte dafür mit dem obligaten Text („Unterwegs“) gedankt. Wie er schreibt, waren ihm dabei „allerlei zweifelhafte Souvenirs“ auf irritierende Weise von lästigem „Arabergesindel“ angeboten worden; vermutlich gehörte der Teller schon dazu. Thomas Manns zweite Reise ins Land der Pharaonen von Februar bis April 1930 war jedenfalls bereits eine erklärte „Inspektionsreise“ für den „Joseph“-Roman und wurde „die größte, bedeutendste“ Reise seines Lebens, wie er dem Freund Ernst Bertram schrieb. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Thomas Mann den Teller aus einem ägyptischen Basar mitgebracht hat. Vielleicht hat er ihn dem Bären in München einfach nur auf die bereits vorhandene Holzschale gelegt. Die neue Holzschale und der „Silberteller“ passen jedenfalls gut zusammen. Leider ist es nicht mehr möglich, die vor kurzem verstorbene Elisabeth Mann Borgese danach zu fragen. Immerhin ist der Teller nicht ganz so nutzlos wie der Silberteller mit dem „Monogramm des Empfängers“, den der Totenrichter Hofrat Behrens im „Zauberberg“ von seinen russischen Patienten geschenkt bekommt. Sicher ist nur, dass der russische Bär Thomas Manns im Münchner Literaturhaus seinen ägyptischen „Silberteller“ demnächst wieder auf seinen Tatzen tragen wird. OB Christian Ude wird die Übergabe am 6. Juni, dem Geburtstag Thomas Manns, persönlich vornehmen.